Bernd F. Schulte, Weltmacht durch die Hintertür, Norderstedt 2003

Auf Schultes Buch hin entfesselten WELT, FAZ und ZEIT im Januar 2004 eine Kampagne gegen den Hamburger Historiker Fritz Fischer. Sch. stellte nämlich die NS-Vergangenheit der GEGNER Fischers, in der Historikerdebatte der 60iger bis 80iger Jahre, in den Mittelpunkt seines Buches „WELTMACHT DURCH DIE HINTERTÜR“.

Fritz Fischers Kritik am deutschen Protestantismus, die im Januar 2004 einem größeren Kreis von politisch Interessierten zugänglich gemacht wurde, wird zu einer Abwertung des Historikers Fischer missbraucht. Der bekannte Hamburger Historiker, der Ende 1999, im Alter von über 90 Jahren verstarb, war, in seinem bislang bekannten wissenschaftlichen Leben, sogar zu 90 Prozent mit anderen Fragen beschäftigt, als mit jenen, aus seiner frühen Phase stammenden Arbeiten um den preußisch deutschen Protestantismus und dessen politischer Bedeutung.

Weshalb dieser Teilbereich Anfang des neuen Jahrtausends in die Aufmerksamkeit der bundesdeutschen Öffentlichkeit gehoben wird, erscheint rätselhaft. Erst durch die Verbindung dieser theologisch bestimmten frühen Phase Fischerscher wissenschaftlicher Betätigung, mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der dreißiger Jahre, werden die zugrundeliegenden Absichten offenbar. Es geht, unter Verquickung fachtheologischer Diskussion innerhalb der evangelischen Kirche Deutschlands, mit etwaigen nationalsozialistischen Tendenzen Fischers, um die Kompromittierung eines ertragreichen Forscherlebens.

Dabei ist von besonderem Interesse, dass der Hamburger Historiker in den dreißiger Jahren als junger Wissenschaftler, keinesfalls zur etablierten Crême der deutschen Historikerschaft zählte. In den zwanziger Jahren, aus fränkisch-süddeutschem Kleinbürgertum, über Abitur und erste Schritte an der Universität, zu wissenschaftlicher Förderung durch den Staat von Weimar gelangt, konnte sich Fritz Fischer nichts weniger leisten, als sich auszusuchen, wie er seine Karriere aufbaue. So gelangte er zunächst in die protestantisch-theologische Fakultät, dissertierte dort erfolgreich über Ludwig Nikkolovius und gelangte, über eine weitere theologiegeschichtliche Untersuchung, zu Moritz August von Bethmann Hollweg, seinem wahren Interesse – der Geschichtswissenschaft. Dass sich dieser Weg auf Grund der familiären finanziellen Verhältnisse nicht ohne die materielle Unterstützung des Staates bewerkstelligen ließ, war nichts weniger als zwingend. Allerdings war Fischer, durch diese Gegebenheiten, in voller Breite den Einflüssen seiner Förderer, d.h. seiner wissenschaftlichen Lehrer, ausgeliefert. Dass ein junger Forscher, auf Grund der gegebenen materiellen Verhältnisse, und vor allem dem politischen Hintergrund seit 1918, nicht im luftleeren Raum existieren konnte, liegt auf der Hand.

Fischer hat aus dieser Situation nach 1945 kein Geheimnis gemacht. Noch 1988, anlässlich der Arbeiten für ein Fernsehportrait zu seinem 80. Geburtstag, gab er dem Verfasser eine Erklärung, wie er, vor dem Krieg, zur Unterstützung durch das Institut von Walter Frank zur Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus gekommen sei. Ein Kommilitone habe ihm in der Berliner Staatsbibliothek, anlässlich eines Gespräches über Wissenschaftsförderung, den Rat gegeben, doch einmal bei Frank anzufragen, da die Unterstützung durch die bisherigen Geldgeber (DFG) außerordentlich gering ausfiel. Ausschließlich die Höhe der Unterstützung – es handelte sich um monatliche Beträge um durchschnittlich 100 RM – brachten Fischer, nach dessen eigener Aussage, zu dieser Verbindung mit dem Frank’schen Institut. Dass sein Stipendium, verbunden mit einem Forschungs-Projekt zum preußisch-protestantischen Pietismus, infolge des Krieges, nicht zur Ausführung kam, erscheint kennzeichnend für die gesamte hier behandelte Problematik.

Fischer machte den Krieg – zuletzt als Offizier der Flakartillerie – im westlichen Reichsgebiet mit. Er geriet in Kriegsgefangenschaft, aus welcher er 1947 zurückkehrte. Noch während des Krieges hatte er, unter anderem durch Walter Frank unterstützt, einen Ruf auf einen der historischen Lehrstühle an der Hamburger Universität erhalten. Dass dies so war, sei nicht zuletzt in der Tatsache begründet gewesen, so berichtete der Hamburger Gelehrte ebenfalls 1988, dass die damals vorgesehenen Bewerber gefallen seien. So gelangte er 1947 auf jene Professur, die er bis zu seiner Emeritierung, infolge Krankheit 1973, innehatte und welcher er zu Weltruf verhalf.- Übrigens wurde Theodor Schieder, der durch NS-Mitgliedschaft, und Verquickung mit dem System, nach 1945 zunächst kompromittiert war – und damit für Berufungen nicht in Frage kam – durch den ebenfalls umstrittenen Hermann Aubin (und Gerhard Ritter) für einen Moment in Verbindung mit dem Hamburger Lehrstuhl gebracht. Schieder musste sich jedoch, enttäuscht durch Fischers Wiederauftauchen, zurückziehen.

In den ersten Nachkriegsjahren orientierte Fischer sich wissenschaftlich neu, bezog die während des Zweiten Weltkrieges gewonnenen, und durch das persönliche Schicksal akzentuierten, politisch-historischen Verwerfungen ein, und entwarf, auf der Basis seiner früheren Forschungen, seinen berühmten Vortrag auf dem Münchner Historiker Tag von 1949. Wie nah ihm eben diese Thematik, die Bedeutung der protestantischen Theologie im Rahmen der jüngeren und jüngsten preußisch-deutschen Geschichte, blieb, zeigte sein Plan, nach der Emeritierung 1973, von der Geschichte des Ersten Weltkrieges – und der Diskussion um dessen Ursprünge – völlig Abstand zu nehmen und sich seinen früheren Forschungen erneut zuzuwenden. Dass dies den Verfasser, der just in dem Weltkriegs-Themenfeld seine wissenschaftliche Karriere suchte, außerordentlich verwirrte, mag bestätigen, wie ernst diese Überlegungen dem Hamburger Forscher tatsächlich waren. Um so mehr erscheint bedeutsam, dass Fischers Kernthese aus dessen Vortrag zum deutschen Protestantismus, und zur deutschen Geschichte, 1949 bereits tiefe Gräben zur EKD und deren Mitglied, dem Freiburger Historiker Gerhard Ritter, aufriss. Dass die wissenschaftliche Feindschaft, die um die Bewertung der Verantwortung an Ausbruch und Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zwischen Ritter und Fischer zehn Jahre darauf offenbar wurde, hier in München ihren Anfang nahm, und in der nationalkonservativen Orientierung Gerhard Ritters wie der antinational-westlichen Basierung Fritz Fischers begründet war, gewinnt erst heute Kontur.

Letztlich stellte Fischer, der diesen Aspekt in der Folge immer wieder schriftlich und mündlich betonte, die Verantwortung der protestantischen Staatskirche in Deutschland für den Ersten Weltkrieg am Beispiel der bereits seit 1911 anlaufenden und breit ausgreifenden Propagandawelle, für den Krieg als politischem Weg, publiziert in protestantisch-kirchlichen Zeitschriften, Flugschriften und Zeitungen, heraus. Die Vorgänge von München, und später in Fischers Veröffentlichungen, begründen den heutigen, vordergründig unmotiviert scheinenden, und damit vorgeblich parteilich unbelasteten, Angriff auf Fischers persönlich-menschlichen und wissenschaftlichen Leumund, der aus Historiker- und Theologenkreisen um die Universität Potsdam vorgetragen wird. Dass ein derartiges Vorgehen bereits von Gerhard Ritter, im Zuge der berühmten Kontroverse um die „Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland“, 1962 – hinter vorgehaltener Hand – und vornehmlich gegenüber ausländischen Historikern – als Kampfmittel in der „Fischer-Kontroverse“ eingesetzt wurde, charakterisiert Methode, Verfahren und charakterliche Disposition dieser nationalkonservativ orientierten Kräfte. Damals wie heute ehrabschneiderisch motivierte Verdächtigungen, wie jene von Fischers Gefolgschaft des alldeutschen Kirchenhistorikers Erich Seeberg, oder die eines zu engen Verhältnisses zum Reichsinstitut Franks, erscheinen in diesen Tagen erneut als Kern völlig überzogener Angriffe auf den verdienstvollen Hamburger Gelehrten.

Dass sich „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Welt“ und der Zechlinschüler Volker Ullrich bei der „Zeit“, in quasi einer „konzertierten Aktion“, des entlegen publizierten, und in der „Gartenlaube“ einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift versteckten, Beitrages des jungen protestantischen Theologiehistorikers Große-Kracht annehmen, und dies obendrein in breit angelegten Artikeln bereitwillig ausmalen, ist, angesichts des bislang üblichen Umganges in den bundesdeutschen Medien, völlig ungewöhnlich und damit schon als Phänomen, und an sich bedeutsam. Dass diesen Zeitungen, zumindest der „Welt“ (Herr Möller) und der FAZ, seit Herbst 2003 das Buch des Verfassers („Weltmacht durch die Hintertür“) vorliegt, mag zunächst nicht bedeutsam erscheinen. Da jedoch der zentrale Aufsatz dieses Buches, in deutscher und englischer Sprache („Blick in ein Schwarzes Loch“ und „Beware of the Wolves“), die Frage thematisiert, was die Äußerungen Gerhard Ritters über Fritz Fischers NS-Vergangenheit von 1962, im Umkehrschluss für die Historiker-Gegner Fischers im Dritten Reich nahe legen, erscheint die Kampagne dieser überregionalen Zeitungen gegen Fischer zusätzlich als Gegenangriff auf den quellenmäßig breit abgesicherten Vorwurf des Verfassers gegen Gerhard Ritter, Theodor Schieder, Werner Conze, Hermann Aubin, Egmont Zechlin, Hans Herzfeld, Karl Erdmann, Erwin Hölzle, Wolfgang Serpahim und Giselher Wirsing.

Ergänzt um eine weitere Publikation, nämlich die Titelgeschichte des nationalliberalen Spiegel, vom 16. Februar 2004 („1914-1945. Der zweite Dreißigjährige Krieg“), gerät die Kontroverse um Fritz Fischer nachgerade zur Farce. Eröffnet durch eine mittelmäßige Einführung, die, zu großen Teilen, auf dem Forschungsstand der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts basiert, wendet sich der Spiegel, ohne auf Fritz Fischer detaillierter zu verweisen, dem, besonders in angelsächsischen Ländern, gern beschworenen, und publikumswirksamen, Bild von der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkrieges zu (vgl. Anhang 2). Diese Aufgabe übernimmt der bekannte Bielefelder Historiker Hans-Ullrich Wehler (Schüler Theodor Schieders), der in einem mehrseitigen Parforceritt vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg, jenen Bogen schlägt, und jene Kontinuität behauptet, für die Fritz Fischer, bis zu seinem Tode, immer wieder geschmäht wurde. Es sei hier ausdrücklich verwiesen auf die Rezension des Ritter Adepten Ernst Schulin von 1981 (MGM/1/81, S.166) zu Fischers „Bündnis der Eliten. Zur Kontinuität der Machtstrukturen in Deutschland 1871-1945, Düsseldorf 1979“. Schulin kam nicht umhin, gegenüber des Hamburger Historikers nachgerade modernem strukturgeschichlichen Denken, auf die traditional diplomatiegeschichtlich und kriegsgeschichtlich fundierte konkurrierende Darstellung Andreas Hillgrubers zu verweisen.

Bezieht Wehlers „Bogen-Darstellung “ ihren Rang ganz aus der detaillierten Ausführung des Fischerschen Kontinuitätsgedankens, so fällt das Interview mit dem Wilhelm II-Spezialisten John Röhl/Brighton demgegenüber völlig ab. Ist doch selbst Wolfgang Mommsen (Schüler Theodor Schieders) inzwischen klar geworden, dass die Phase wissenschaftlicher Periodisierung, nach einem „Zeitalter des Wilhelminismus“, oder gar Wilhelms II., völlig überholt ist, so verharrt Röhl auf seinem problematischen biographischen Ansatz. Ob es die Forschung so sehr viel weiter bringt, wie viele uneheliche Kinder Wilhelm II. hatte, oder mit wie vielen Frauen der Kaiser gleichzeitig ins Bett ging, um nun zu sagen, der Kaiser sei – trotz Eulenburg u.ä. – nicht homosexuell gewesen, mag heute, wie schon 1986 („Kaiser Hof und Staat“, meine Rezension im NDR-Rundfunk), dahingestellt bleiben. Nichts erfahren wir über die Stringenz der militärischen und politischen Vorbereitung auf den Ersten Weltkrieg. Nichts erfahren wir über die zielgerichtete Methodik Bethmann Hollwegscher Politik um den Kaiser herum, und schließlich setzt Röhl, in völliger Abkehr von Fritz Fischer, ein Fragezeichen hinter die von ihm angerührte (und von Fischer und dem Verfasser übernommene) Frage nach den Auswirkungen des „Kriegsrates“ vom 8. Dezember 1912 auf Planung und Auslösung des Ersten Weltkrieges. So entsteht ein eher anekdotenhaft irreales Bild deutscher Politik und eines Kaisers, der ganz unter das Kautel überbordenden Antisemitismus gezwungen wird.

Dass all‘ diesen Versuchen, deutsche Geschichte um die Leistungen Fritz Fischers herum darzustellen, ein wesentliches Element gemeinsam ist, nämlich jenes einer handwerklich wenig sauberen Arbeit und Argumentation, mag in unseren Zeiten gesamtgesellschaftlicher Dekadenz nicht weiter überraschen. Dass aber Fritz Fischer, der in den dreißiger Jahren mit geringen Beiträgen aus der Reichskasse – und nicht ausschließlich von den Nationalsozialisten – unterstützt wurde, den Krieg als Soldat erlebte, ist zu unterstreichen, und demgegenüber zu betonen, dass andere hochdotiert, und breit gefördert, ihren wissenschaftlichen Werdegang vollenden konnten (vgl. Anhang 1). Nicht zuletzt soll darauf hingewiesen werden, dass der international anerkannte und geehrte Hamburger Historiker, als akademischer Lehrer, über einhundert Doktoranden zu Arbeiten anregte, die insbesondere den Übergang vom Kaiserreich in die Weimarer Republik, und deren Aufgehen im Dritten Reich, zum Gegenstand hatten. Das „erste Buch“, der „Griff nach der Weltmacht“, und der zweite Band „Krieg der Illusionen“, sollten, so Fischers Planung, münden in das sogenannte „Dritte Buch“, das – wie „Bündnis der Eliten“ und zwei weitere Paperbacks offen ließen – vor allem die ökonomisch-wirtschaftliche Seite des aufziehenden nationalsozialistischen Staates beleuchten sollte. Trotz dieses nicht abgeschlossen dritten Bandes über die deutsche Politik zwischen 1918 und 1945 und der damit letztlich ausstehenden Antwort Fischers auf die Frage nach der Kontinuität in der deutschen Geschichte, die er bereits 1961, zur großen Beunruhigung seiner Gegner, anklingen ließ, bewirkte der Hamburger Hochschullehrer weitreichende und fortdauernde Entwicklungen der in- und ausländischen Geschichtswissenschaft. Dies zumindest hat bislang noch niemand zu bekritteln gewagt.

Schlagwörter: , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: